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Reisebericht

C.N.-R. – Eine ungewöhnliche Seefahrt

Mit einem Containerschiff über den Atlantik

Seit Jahren war es unser Wunsch, einmal nicht mit dem Flugzeug nach Deutschland zu fliegen, sondern mit einem Schiff den Atlantik zu überqueren. Was bot sich an: Kreuzfahrtschiff oder Frachtschiff. Nun, aus der Presse und von Bekannten hatten wir schon einiges über eine Reise mit Frachtschiffen erfahren, also sei es gewagt. Bei einer rührigen Agentur in Wuppertal, die sich auf die Vermittlung internationaler Frachtschiffreisen spezialisiert hat, buchen wir eine Fahrt mit der „MS Balthasar Schulte“, von Callao/Lima nach Hamburg.

Am 18. Juli klettern wir mit etwas klopfenden Herzen die steile Gangway empor, oben freundlich begrüßt von Livio Udrea aus Bulgarien, dem 3. Offizier, der für die Gäste zuständig ist. Die „Balthasar Schulte“ ist mit 40 542 Bruttoregistertonnen ein großes Schiff, wem das nichts sagt, es ist 261 m lang, 32 m breit und es kann max. 4253 Container transportieren. Betrieben wird es von der deutschen Reederei Thomas Schulte in Hamburg und läuft unter der Flagge von Liberia. Livio stellt uns dem Kapitän vor, auf dem Schiff master genannt, ein gemütlicher älterer Herr aus Kroatien. Der Rest der Besatzung besteht aus sieben Offizieren, drei Nautikern und vier Ingenieuren, fast alle aus Russland stammend. Dazu kommen 12 philippinische Seeleute.

Wir beziehen unsere Eignerkabine, auf dem Schiff cabin genannt, bestehend aus zwei getrennten je 14 m2 großen Räumen mit abgetrenntem Bad. Große Fenster sorgen für Helligkeit und aus 30 m Höhe für eine prächtige Sicht aufs Meer, Land (und Container). Und dann ist auch schon Essenszeit. Es gibt an Bord Frühstück und zwei warme Malzeiten, die zusammen mit den Offizieren in der Messe eingenommen werden. Die Tellergerichte sind auf die Bedürfnisse der Besatzung zugeschnitten, überaus reichlich, aber in der Regel für uns zu fett. Mit am Tisch sitzt unserer einziger Mitreisender Herr Haag; wir verstehen uns prächtig und seine Teilnahme an der Fahrt ist für uns eine Bereicherung der Reise.

Am nächsten Morgen sind wir auf hoher See und betreten zum ersten Mal die Kommandobrücke, von der das Schiff gesteuert wird. Hier sind wir jederzeit willkommen und die wachhabenden Offiziere sind immer bereit
auf unsere Fragen einzugehen, wenn sie nicht gerade durch Anlegemanöver oder die Betreuung der Lotsen an Bord beschäftigt sind. Am 2. Tag der Reise organisiert der master uns zu Ehren eine kleine Feier. Wir sitzen draußen auf der Reling bei blutrot untergehender Sonne und der Smutje serviert gegrillte Krabben sowie andere Leckereien. Dazu gibt es Budweiser Bier; dies und Wein sind auf dem Schiff zu trinken erlaubt, ansonsten besteht Alkoholverbot.

Und dann nähern wir uns auch schon dem Panamakanal. Wir haben Glück und erleben die Fahrt bei Tage. In drei Schleusenkammern werden wir vom Pazifik um 27 m auf Kanalniveau gehoben. Unser Schiff passt fast haargenau in die 33,5 m breiten Kammern, von vier Elektrolokomotiven an beiden Seiten mit Stahlseilen in der Mitte derselben gehalten. Von der Kommandobrücke aus halten wir Augen und Ohren offen, verfolgen die Anweisungen der Lotsen, lassen uns in ruhigen Minuten die Vorgänge erklären oder halten auch nur einem Schwätzchen mit ihnen. Der Kanal entpuppt sich nur in den ersten 16 Kilometern als enge Wasserstraße, das größte Teilstück im Osten bildet der 64 km lange Stausee von Gatun, bevor man in drei Kammern wieder auf Atlantikniveau herunter geschleust wird. Vierzehn Stunden sind wir wach. Die vielen Bilder und Eindrücke, die auf uns einprasseln, lassen uns nicht müde werden, ein großes Erlebnis auch für uns Nichtmariner.

Panamakanal

Die Karibische See empfängt uns mit tiefblauen Wasser und Wärme. Womit kann man sich nun sinnvoll an Bord beschäftigen? Weshalb nicht mit der herkömmlichen Navigation auf See, bevor das Global Positioning System, GPS, seinen Siegeszug begann? Dazu besorgten wir uns ein einschlägiges Fachbuch sowie zwei Karton-Bausätze, aus denen mit viel Geduld und Klebstoff ein Sextant und eine Ring-Sonnenuhr gebastelt wurde. Mit den beiden „Instrumenten“, den aktuellen Tabellen aus dem Nautischen Jahrbuch sowie einer Quarzarmbanduhr kann man, wenn man nicht zu große Ansprüche an die Genauigkeit stellt, aus der Position der Sonne die geographische Länge und Breite des Schiffsstandpunktes auf See bestimmen. Es gelingt immerhin, die Breite auf 0,5 ° genau festzulegen, das sind rund 55 km. Gut, dass es heute das GPS gibt !

Nach knapp zwei Tagen Kurs gen Osten erreichen wir Cartagena de las Indias in Kolumbien, wo wir für einige Stunden an Land gehen. Die Altstadt mit der sie umgebenden Mauer hat ihren kolonialen Stil erhalten, was sie zu einem Tourismusmagneten Südamerikas macht. Auch wir erfreuen uns an der alten Architektur, wenn nur die Smaragdverkäufer nicht ganz so aufdringlich wären. Vor der Wiedereinschiffung kehren wir zu frischen Meeresfrüchten ein. Frische Ware erhalten wir auf dem Schiff nicht, alles kommt aus drei großen Kühlräumen. Vielleicht hätte man sich einmal frische Avocados gewünscht, aber die reifen in unseren Containern dem Verbrauch in Europa entgegen.

Von Cartagena geht es Kurs NO an drei Tagen über die Karibische See zur Insel Hispaniola, auf deren östlichem Teil sich heute der Staat Dominikanische Republik befindet. Wir legen am Hafen von Caucedo an und besuchen die 40 km entfernte Hauptstadt Santo Domingo. Die historische Altstadt ist zwar auch von der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt worden, kann sich aber mit Cartagena nicht messen. Wirklich sehenswert ist eigentlich nur der Ostteil der Altstadt entlang des Rio Ozama mit gut erhaltenen Bauten aus dem 16. Jahrhundert, so auch einem gewaltigen Fort. Auf dem Platz vor der Kathedrale mit dem Denkmal von Diego Kolumbus , einem Sohn von Christoph Kolumbus, laden kleine Bistros unter hohen Platanen zu einer Tasse Kaffee oder auch zu einem Sundowner ein.

Auf der Kommandobrücke

Wir umrunden Hispaniola und fahren in den Atlantik ein, für dessen Überquerung wir acht Tage benötigen. Aber Langeweile kommt nicht auf. Immer gibt es auf der Brücke etwas zu sehen oder man hält mit dem wachhabenden Offizier bei einer Tasse Kaffee ein Schwätzchen. Es bleibt viel Zeit zum Lesen, deutsche Bücher sind reichlich an Bord; meine Frau hat sich genügend mit Wolle eingedeckt und strickt Socken für die ganze Familie. Unser Lieblingsplätzchen dazu ist ganz vorne am Bug des Schiffes. Hier ist es fast vollkommen windstill und das Plätschern des Wassers übertönt das Motorengeräusch vom Heck. Wir beobachten Delfine, die sich einen Spaß daraus machen, es direkt vor der Bugspitze an Schnelligkeit mit dem Schiff aufzunehmen. Fliegende Fische sind fast immer auszumachen, aber nur selten zeigen sich Wale in der Ferne. Abends nach dem Abendessen machen wir bei warmen Wetter einen Spaziergang ums Schiff und hoffen dabei, einen klassischen Sonnenuntergang direkt über dem Meer fotografieren zu können, was aber leider nicht gelingt.

immer lächelndes und freundliches Völkchen. Freitag abends trifft sich die Truppe zum Karaoke singen und einmal werden wir auch eingeladen. Bewaffnet mit einem Kasten Bier betreten wir den Gemeinschaftsraum, wo uns überlaute Musik entgegenschlägt. Einer der Jungen schmettert mit voller Inbrunst „Strangers in the night…“, wobei anderen vor Rührung die Tränen in die Augen kommen, das bedeutet den Asiaten ihr Karaoke ! Nun, da können wir nicht mithalten. In weiser Voraussicht haben wir eine CD mit bolivianischer Musik mit im Gepäck und legen zum großen Beifall der Truppe eine flotte Queca aufs Parkett, womit wir auch zum Gelingen des Abends beigetragen haben.

Am 17. Tag unserer Reise kommt am Nachmittag auf Steuerbordseite die Bretagneküste in Sicht und den Ärmelkanal durchfahren wir bei Nacht. Es herrscht reger Schiffsverkehr, auf Backbordseite begegnet uns ein hell erleuchtetes, majestätisches Kreuzfahrtschiff, die „Queen Mary 2“, auf der Fahrt nach New York. Wir verbringen einen Teil der Nacht auf der Kommandobrücke, zu viel gibt es zu sehen und zu hören. Am frühen Morgen folgt die Einfahrt in die Maas zum Hafen von Rotterdam, wo wir gegen 14 Uhr anlegen. Rotterdam ist der größte Hafen Europas, drittgrößter der Welt und damit eine Konkurrenz für Hamburg und Wilhelmshafen. Wir gehen auch hier an Land. Rotterdam wurde 1942 von den Deutschen bombardiert und fast vollständig zerstört. Sie ist somit eine hochmoderne Stadt mit einigen architektonisch interessanten Bauwerken. Wir bummeln durch die Innenstadt, kaufen echten holländischen Goudakäse, essen etwas Leckeres und sind um 23 Uhr wieder an Bord.

Bug des Schiffes

Auch auf der Nordsee empfängt uns ein relativ dichter Schiffsverkehr, Fischkutter mit Netzen, Küstenmotorschiffe und ab und zu tauchen Bohrtürme auf, die Öl oder Gas fördern. Wir laufen in den Trichter der Elbmündung ein, ein schwieriges Fahrwasser für große Containerschiffe. Wegen der Gezeiten und ständig wechselnder Sedimentfracht ändert sich die Fahrrinne ständig, eine große Herausforderung für die Lotsen. Die Höhe der Kommandobrücke gewährt uns einen weiten Blick über die Elbdeiche auf das Kehdinder Land mit Acker- und viel Obstanbau. Wir passieren Blankenese und dann grüßt uns auch schon in der Ferne der Michel von Hamburg. Am 9. August legen wir am Burchardkai an, wo wir mit ein wenig traurigem Herzen von Bord gehen. Vorher aber überreichen wir dem master als Erinnerung an seine bolivianischen Gäste und Dank für die gute Betreuung durch die gesamte Besatzung eine Tischstandarte für den Konferenzraum mit dem buntbestickten Wappen von Bolivien. Wenn es dem Steward nicht zu doof wird, dauernd das dumme Ding entstauben zu müssen, so werden Lama, Ähre und Palme unter dem Condor noch lange auf der „Balthasar Schulte“ über die Meere schippern.

Zum Abschluss noch einige Informationen zur Reise. Wer mit solch einer Schifffahrt liebäugelt, sollte zeitig planen, die freien Plätze sind begehrt, wir buchten ein knappes Jahr im Voraus. Was kostet solch eine Reise ? Wir bezahlten für die dreiwöchige Fahrt alles inklusive 2565 Euro pro Person. Das scheint teuer, man muss aber bedenken, dass während der Reise nur wenige Ausgaben anfallen.

Und hat sich die Fahrt gelohnt ? Die Antwort lautet: ja. Wir haben viel gesehen und gelernt über die christliche Seefahrt heutiger Tage und an Bord gab uns die gesamte Besatzung immer das Gefühl, willkommen zu sein.

C.N.-R