Reisebericht

Herr S.: Einmal Hongkong – Hamburg im Dezember.

HIT – Hongkongs International Terminal. Containergebirge ringsum. Eine blaue Stahlwand schiebt sich ins Bild: LT Cortesia lese ich am Steven. Angekommen! Schon von außen ist der Frachter überwältigend. Man starrt hinauf, man starrt entlang, man schickt den Blick wieder nach unten: was für ein Riese! Der 25-Meter-Aufstieg über die Gangway an der haushohen Bordwand entlang gerät zur Kletterpartie.

Staunend richte ich mich später in meiner sonnendurchfluteten, sehr wohnlichen und komfortablen 40-Quadratmeter-Suite im F-Deck (siebtes von insgesamt neun) an Steuerbord ein – sogar mit eigenem Sonnendeck. Unverbaubarer Seeblick in 32 Meter Höhe inklusive.

Bald nachdem der Hongkonger Lotse von Bord gegangen ist, erreicht „LT Cortesia“ mit 25,1 Knoten ihre geplante Marschgeschwindigkeit. Beginn der 10.500 Seemeilen langen Reise nach Hamburg. Passend dazu flimmert abends „Das Boot“ über den Bildschirm.

Schon am nächsten Morgen klingelt mein Bordtelefon. Der zweite Offizier bittet zur Schiffseinweisung. Er führt durchs Schiff und zeigt alle wichtigen Rettungseinrichtungen von den Fluchtwegen bis zum Boot. Nach meiner Unterschrift auf dem Belehrungspapier bekomme ich noch einen Überlebensanzug verpasst. Am Nachmittag wird wie jede Woche ein Boots- und Feueralarm ausgelöst. „Denn“, sagt der Zweite, „das muss wie im Schlaf sitzen“.

Draußen, östlich vor Vietnam, bläst es feucht-warm. Mit sieben Windstärken von achtern – zu unserem Glück. Satte 28,5 Knoten zeigt der „Tacho“.

Zum Mittagessen mit Kapitän, Chief und Erstem Offizier – noch ein Privileg von Frachter-Passagieren – serviert der Steward wie jeden Samstag „One Soup“, zu deutsch Eintopf. Vom Smutje mit Würstchen angereichert. Als Dessert kommen Melonenhäppchen auf den Tisch. Die Runde danach ums Schiff – rund 750 Meter oder eine Viertelstunde- , unter ächzenden und knarrenden Containerstapeln muss sein. Treppensteigen inklusive, denn Fahrstuhl fahren ist bei den Offizieren weitgehend verpönt – aus Schlankheitsgründen. Später sind Fitness auf dem Hometrainer, Sauna, Sonnenbad im Liegestuhl und ein paar Solorunden im Swimmingpool mit frischem, warmem Seewasser angesagt. Oder einfach nur am Bug stehen, wo man außer Wind und rauschendem Wasser nichts hört, und auf die endlose See schauen.

Auf der Brücke ist man jederzeit willkommen. Nur für den Maschinenraum verlangt der Chief eine Anmeldung – aus Sicherheitsgründen: „Sonst findet Sie in dem Labyrinth keiner, wenn Ihnen da was passiert“.

Laptop, Fotoapparat, Bücher, Videos, CDs, DVDs und immer wieder Gespräche mit den Seeleuten sorgen für reichlich Unterhaltung. Dazu die wechselnden Stimmungen von See und Himmel. Am Abend ist Chance für ein paar Bierchen an der mit echten Kokospalmen ausstaffierten Bar oder manchmal auch ein Malefiz-Spielchen mit dem Kapitän.

Zweieinhalb Tage später. Die Ansteuerung der Singapur-Straße erfordert volle Konzentration für Wachoffiziere und Kapitän. Aus allen Himmelsrichtungen dampfen Tanker, Containerschiffe, Autotransporter und Bulkcarrier auf das Nadelöhr zwischen Pazifik und Indischem Ozean zu, als würden sie angesaugt werden. Malaysische und indonesische Küste zeichnen sich ab, wenig später die strahlende Skyline von Singapur. Nach zweieinhalb Stunden verschärfte Wachsamkeit bis zum Anlegen nach zweieinhalb Tagen oder 1500 Seemeilen in Tanjung Pelepas. Erst drei Jahre jung ist das malaysische Container-Drehkreuz vor den Toren des äquatornahen Stadtstaates Singapur.

Containergebirge auf der einen, Urwald auf der anderen Seite. So präsentiert sich der aus dem Boden gestampfte Hafen am nächsten Morgen. Schweißtreibend ist jede Bewegung bei über 30 Grad im Schatten.

Gegen Mittag zerren zwei Schlepper die „LT Cortesia“ von der Pier weg und drehen sie im Fahrwasser. Voraus die wegen der weltweit größten Zahl von Piratenüberfällen berüchtigte 800 Kilometer lange Malakka-Straße, die von Schiffen nur so wimmelt. „Verschärft Wache gehen, dazu alle Schoten dicht sowie Scheinwerfer und Wasserschläuche entlang der Bordwände“, zählt der Kapitän die friedlichen Abwehrmaßnahmen auf. Die Nacht verläuft – Gott sei Dank! – störungsfrei.

Nachdem die nördlichen Ausläufer der indonesischen Insel Sumatra und die indische Nikobaren-Gruppe passiert sind, entspannt sich die Lage an Bord. Das Frachtergewimmel löst sich beinahe schlagartig auf. Bald sind wir allein auf weiter Ozean-Flur. Der Kapitän lädt zum Captains Dinner der besonderen Art: „Fünf Kilo Shrimps hab ich in Hongkong eingekauft, die müsst Ihr heute Abend schaffen!“. Dazu von dem Hobbykoch selbst kreierte raffinierte Dips aus Curry, Knoblauch, Tomaten, Gewürzen und Majonäse. Ein Fässchen Bier habe er auch schon in der Bar kalt gestellt. Weit nach Mitternacht endet die unterhaltsame Runde. Die markanten Leuchtfeuersignale von Dondra Head an der Südspitze von Sri Lanka mischen sich mit zuckenden Blitzen über Land.

Wochenend’ und Sonnenschein im Golf von Aden. Auf dem D-Deck steigt eine Open-Air-Grillparty mit Schwein am Spieß. Außentemperatur brennend heiße 32 Grad. Wüstenhafte, braun verbrannte Leere an der schmalen Pforte zum Roten Meer zwischen Jemen und Djibouti. Friedlich die paradiesischen, menschenleeren Strände in türkisfarbenen Buchten, doch auf der Festung recken verrostete russische T-34-Panzer ihre Rohre bedrohlich in den Himmel.

MS „LT Cortesia“ dampft in die Bucht von Suez im nautischen Slalom zwischen flammenspeienden Bohrinseln hindurch. Der kühle Wind heult in Sturmstärke. Die steilen Berge der Wüstenhalbinsel Sinai und Ägyptens demonstrieren ihre Düsenwirkung. Schwerfällig formiert sich unser Northbound-Konvoi zu einer kilometerlangen Frachterschlange mit Kurs auf das 165 Kilometer entfernte Port Said. Die Ufer sind gespickt mit militärischen Anlagen: Kasernen, Panzer, Kanonen, alle hundert Meter Wachposten und Kontrollen auf den Straßen am Suez. Von hoher Brückenwarte bieten sich außerdem sichere Einblicke in den Alltag und die Natur des Landes: ob lautes, pulsierendes Stadtgewimmel oder mittelalterliche beschauliche Landwirtschaft, bittere Armut oder luxuriöser Lifestyle. Besonder am Großen Bittersee, wo die Nobelvillen unter Palmen den Strand säumen.

Nach zehn Stunden Schleichfahrt mit acht Knoten schiebt sich die „LT Cortesia“ ungeduldig ins Mittelmeer. Hebel auf den Tisch und voll Voraus. Kurs Taranto an der süditalienischen „Stiefelspitze“.

Am Morgen des 24. Dezember vor der sizilianischen Küste: das Mittelmeer in Feiertagslaune, fast spiegelglatte See und strahlende Sonne. Auf der Brücke starre ich in unsere 360-Grad-Welt hinaus. Der Horizont auf See, das Ende der Welt, fasziniert den Abenteurer immer wieder. Gelegenheit zum Träumen bei einem Schläfchen in der warmen Sonne. Vorbeiziehende Wale und Delfine scheinen uns grüßen zu wollen. Heiligabend? Feiertage sind an Bord normale Arbeitstage: Wache, Abrechnungen und Listen schreiben, damit zum Einlaufen in Hamburg alles vorbereitet ist.

„Frohes Fest!“, „Merry Christmas!“ und Frühstücksüberraschung: bunte Teller unterm Christbaum. Vom Kapitän höchstselbst arrangiert und spendiert. Die Wetterkarte kündigt für Deutschland einen Kälteeinbruch an. Schon im Englischen Kanal wird die bunte Containerlandschaft von Schneeschauern über Nacht in ein weißes Gebirge verwandelt.

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